Folgender Text ist eine Antwort auf http://deriv.es/2009/11/28/der-kuchen-ist-verteilt
Eine Wertung der seelisch-konsumierenden Gestaltenkämpfe unserer Zeit
Reprise: Das Ringen der Jugend. Wir leben in einer reizüberflutenden Zeit, in der Orientierung schlicht unmöglich ist. Besonders für Heranwachsende ist es schwer, einen Überblick darüber zu bekommen, was so auf einen zukommen wird. Früher, in der guten alten Zeit, da war das noch einfach. Schule, Lehre, Arbeit, Tod. Heute ist das wesentlich Vielfältiger. In unseren Breiten ist einem ja, so wird es tagtäglich in den Jubelzeitungen der Systemerhalter kolportiert, alles ermöglicht. Oder zumindest fast alles.
Werfen wir einen Blick auf die Jugend von heute. Gut, für mich als Twen klingt es wohl etwas befremdlich, von der vielgehassten heutigen Jugend zu sprechen, aber immerhin habe ich diese Phase hinter mir, ich weiß wo ich stehe und muss nicht erst stundenlang vor meinem Kleiderschrank laborieren, was ich denn anziehen muss, um meine Message rüberzubringen. All jene, die das nicht tun haben entweder keine Botschaft oder sie überbringen sie mit einem tritt ins Kreuz. So sind Teenager nun mal. Letzteres Beides lässt sich sogar kombinieren, das nennt man dann Gewalt an Schulen und erlebt seit der Erfindung des Handyvideos und der Verbreitung auf YouTube ein wunderschönes Revival. Aus dem fetten Schläger wurde eine unmotorisierte Bikerbande, die alles Grün und Blau happyslapped, das sich nicht auf drei am Klo eingesperrt hat. Gewalt als Hobby: Manche entdecken BDSM einfach viel zu spät für sich.
Woher kommt diese Gewalt? Ich nenne dafür zwei Gründe: Oben besagte Orientierungslosigkeit und das Fehlen der Führung durch eine eiserne Faust.
Diese Kinder betteln geradezu danach, von jemandem autoritär gelenkt zu werden. Irgendjemand, der ihrem Drang nach Gewalt ein Feindbild und Ventile gibt. Nicht jeder empfindet das ideale Gemeinschaftsgefühl, wenn er von der mit sich selbst beschäftigten Familie in irgendeine Jungschar oder zu den Roten Falken abgeschoben wird. Da muss mehr her! Wehrsport zum Beispiel. Ich bin mir sicher, dass die Gewalt an Schulen radikalst abnehmen würde, wenn die Täter ihren Vormittag in der Gewissheit verbringen würden, dass sie in wenigen Stunden in Räuberzivil durch den Wald marodieren und dabei auf den Feind schießen dürften. Diese Erfahrung würde Kulturen zusammenbringen. Das türkische Einwandererkind in dritter Generation und der eingeborene Arbeitersohn; Feinde von Natur aus auf der Straße aber Kameraden im Unterholz. Wundert es da noch jemanden mit klarem Verstand, warum diese Kinder den rechtsradikalen Demagogen geradezu in die Uniform schlüpfen? Die Hoffnung auf die gesellschaftliche Selbstbefreiung der Arbeiterschicht kann man schon lange getrost begraben. Der Arbeiter des 21. Jahrhunderts ist der Intellektuelle. Nur er kann den Weg zur Freiheit weisen. Was aber tut dieser “verlorene” Teil der Jugend?
Gegenwart: Wesen der aktuellen Gesellschaftsordnung. Viele dieser Jugendlichen, bezeichnenderweise mehrheitlich die Opfer, allesamt sensible und lebensfrohe Seelen, betrachten das offensive Entdecktwerden in Form von Castingshows als den ultimativen Last Exit aus einem Leben, von dem sie sich ansonsten nicht viel erwarten können (und sich dessen durchaus auch bewusst sind). Das von den dutzenden Gewinnern keine fünf länger als einen Monat im Big Business zuhause waren und nun auf Jahrmärkten und Dorffesten vornehmlich für Minderjährige spielen, wird dabei konsequent zur Seite gewischt, da man es selbst ganz bestimmt schaffen wird, die Christina Stürmers und Mark Medlocks dieser Welt in ihre Schranken zu weisen. So sieht er also aus, der Traum einer gesamten Generation. Und wen wundert es denn noch, wer schüttelt fassungslos den Kopf, angesichts dieser freiwilligen Prositution vor einem Millionenpublikum? Spricht man dieser Generation nicht genau die notwendigen Eigenschaften für diese Form der öffentlichen Selbstdemütigung zu? “Sexuelle Verwahrlosung” nennt man es, wenn sich Teens zusammen Pornos ansehen und dann umsetzen. “Komasaufen” um auch den letzten Funken von Hemmungslosigkeit auszulöschen wie ein verfeindeter zentralafrikanischer Stamm den Anderen. “Killerspiele” um sich gegen jede Form der Gewalt zu immunisieren. Da fragt noch jemand ernsthaft, warum sich jemand auf eine Bühne stellt (Prostitution), windschief dahersingt (Hemmungslosigkeit) und dafür bedankt, von Dieter Bohlen und anderen abgehalfterten Eurodance-Choreographen beschimpft, zerbrochen und marketinggerecht neu zusammengesetzt zu werden (Gewaltimmunität)? Und jene, die nicht aktiv daran teilhaben, können sich gemütlich zu Hause aufgeilen, wie junge Menschen der voyeuristischen Meute zum Fraß vorgeworfen werden. Selbstdemütigung als Selbstzweck, emotionale Autoagression als Werkzeug.
Sind wir denn wirklich so?
Mehrheitlich sind wir wirklich so. Jahrzehntelang wurden “wir”, die westlichen Wohlstandsgewinner durch Produkte ruhig gestellt. Alle Grenzen verschwimmen. Wir haben uns selbst so erfolgreich in eine Plastikwelt aus Konsum und dem Recht auf Öffentlichkeit gedrängt, dass alles andere keinerlei Effekt zeigt. Wirtschaftskrise? Trifft eh nur die Anderen. Bildungsmisere? Bin ja kein Student. Generalverdacht und lückenlose Überwachung? Ich hab ja nichts zu verstecken. Zivilcourage verträgt sich eben nicht mit dem passiven konsumieren zurechtgestutzter Inhalte und auch nicht zur Chimäre vom “sozialen Netzwerken”, wo man die Welt “selbst gestalten” kann und sich vielleicht garnicht darüber im Klaren ist, dass man die Welt börsennotierter Unternehmen lediglich in Richtung unerhörter Gewinnspannen verändert (man füttert den natürlichen Klassenfeind und freut sich noch darüber, wenn einem dabei die Hand abgebissen wird), kann die allgemeine sozialpolitische Lethargie aufbrechen in die wir seit der Erfindung des Fernsehens auf unsere Sofas gebannt wurden.
Letztlich lässt sich das moderne Leben, der Mythus (sic!) des 21. Jahrhunderts, auf drei Themenkomplexe zusammenfassen, die mehr ineinander übergreifen, als jemals zuvor: Sex, Gewalt und Konsum.
Besonders das Thema Sex kommt, traditionellerweise “unter dem Tisch” mit Gewalt daher. Nicht, dass dies eine neue Entwicklung sei, was daran neu ist, ist die Verknüpfung mit dem Konsum. Nie zuvor war es so einfach, sexuelle Gewalt zu konsumieren, ohne daran beteiligt zu sein. Einschlägige DVD-Serien versorgen liebende Väter und achtbare Mitglieder der Gemeinschaft mit den wildesten Phantasien kamerahaltender Möchtegern-Vergewaltiger: Je amateurhafter, desto besser, je jünger, desto besser, je erniedrigender, desto besser. Daran teilzuhaben ohne daran teilzunehmen war noch nie so bequem und unkompliziert wie heute; de Sade hätte seine Freude kaum zügeln können. Und dank der “sexuellen Verwahrlosung” sind alle Beteiligten froh dabei, bis die konservative Boulevardpresse wieder irgendwo eine photogene Lolita auf die Titelseite packen kann, die von Sexorgien im Kinderzimmer berichtet und damit die Auflagen in den Himmel schießen läßt, einfach aus dem Grund, weil in jedem von uns ein Gewaltpornograph steckt, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, anonym einen Blick in die verbotene Welt zu werfen. Jene, die am lautesten Schreien, sind jene, die am eifrigsten Mitmachen würden, wenn man sie nur liesse. Öffentliche Empörung versteht sich gerne als lichtes, moralisches Gegenstück zur kollektiven seelischen Dunkelheit und vergisst dabei auf den Streisand-Effekt, dass durch diesen Aufschrei der Tugendhaften bei vielen erst die Saat des Bösen im Herzen aufgeht, vorwiegend bei den moralisch überlegenen Elementen der Gesellschaft. Merke: Je aufrichtiger du dich gegen etwas stellst, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du dafür agitierst. So wie Krieg nie Frieden bringen wird, so wird nie das Licht die Dunkelheit löschen. Das Supertalent ist erst der Anfang, der Geisterwald die Endstation.
Ausblick: Die kommende Ordnung. Diese Situation wird früher oder später ein Ende finden, da die Menschen, die nicht mehr ungefragt konsumieren wollen, mehr werden. Das Internet brachte auch den Beginn der wahren Demokratisierung des Marktes und die Panikreaktionen der Konzerne sind hinreichend dokumentiert. So wird der Kunde zum Feindbild: Spiel nach unseren Regeln (denn wir haben sie gemacht) oder trage die Konsequenzen (die wir uns einfallen haben lassen). So oder so versucht das Establishment ein sinkendes Schiff auf Kurs zu halten, in vollkommener Ignoranz des Hagelsturms, der im entgegenweht. Netzbasierte Gruppen wie die Piratenparteien oder Anonymus weisen den Weg, wie man mit Lobbyismus und Aktionismus das Ruder herumreissen kann, bevor jemand den großen roten Knopf drückt. Unibrennt darf erst der Anfang gewesen sein. Die Straßen müssen brennen. Reinigendes, heiliges Feuer.